Privilegierte Tatbestände

Anlässlich des anstehenden G8 Gipfels in Heiligendamm ein Gedicht Hans Magnus Enzensbergers.
Man mag von den G8 oder von den Gegnerinnen und Gegnern mit ihren verschiedensten Motivationen halten was man will. Leider steht jedoch fest, dass bei allerlei gerechtfertigten Maßnahmen zum Schutz des Gipfels an vielen Stellen tiefe Einschnitte in rechtsstaatliche Prinzipien hingenommen wurden. Gennant seien hier vor allem der kommentarlose und intransparente Entzug von Presseakkreditierungen und das weitgehende Demonstrationsverbot vor den Augen der politischen Akteure.
Kein Wunder also, dass Russlands Präsident Vladimir Putin derartige Maßnahmen – zurecht – kritisiert und sich – zuunrecht – als "lupenreinen Demokraten" bezeichnet.

Privilegierte Tatbestände

Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken.
Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken, die im Besitz einer gültigen Aufenthaltsgenehmigung sind.
Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken, die sich an die gesetzlichen Bestimmungen halten und im Besitz einer gültigen Aufenthaltsgenehmigung sind.
Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken, von denen nicht zu erwarten ist, daß sie den Bestand und die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gefährden.
Es ist verboten, Personen in Brand zu stecken, soweit sie nicht durch ihr Verhalten dazu Anlaß geben.
Es ist insbesondere auch Jugendlichen, die angesichts mangelnder Freizeitangebote und in Unkenntnis der einschlägigen Bestimmungen sowie aufgrund von Orientierungsschwierigkeiten psychisch gefährdet sind, nicht gestattet, Personen ohne Ansehen der Person in Brand zu stecken.
Es ist mit Rücksicht auf das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland im Ausland dringend davon abzuraten.
Es gehört sich nicht. Es ist nicht üblich.
Es sollte nicht zur Regel werden.
Es muß nicht sein.
Niemand ist dazu verpflichtet.
Es darf niemandem zum Vorwurf gemacht werden, wenn er es unterläßt, Personen in Brand zu stecken. Jedermann genießt ein Grundrecht auf Verweigerung.
Entsprechende Anträge sind an das zuständige Ordnungsamt zu richten.

Nota bene. Wer diesen Text in eine andere Sprache überträgt, wird gebeten, an Stelle der Bundesrepublik Deutschland versuchsweise die offizielle Bezeichnung seines eigenen Landes einzusetzen. Diese Fußnote sollte auch in der Übersetzung stehenbleiben.
Hans Magnus Enzensberger
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